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Kräutertee in der Schwangerschaft: erlaubt oder tabu?

Fenchel mal empfohlen, mal verpönt – die Ratgeber widersprechen sich. Eine ruhige Ampel von grün bis rot, quellenbasiert statt aus dem Bauch.

Dampfende Tasse Kräutertee neben frischen Fenchelsamen, Ingwerscheiben und Himbeerblättern auf einem hellen Holztisch, im weichen Hintergrund ein gerundeter Schwangerschaftsbauch

Kaum ein Thema stiftet in der Schwangerschaft so viel Verwirrung wie der Kräutertee. Auf der einen Seite gilt die dampfende Tasse als sanfte Begleiterin gegen Übelkeit und Unruhe, auf der anderen kursieren lange Listen mit Warnungen. Besonders irritierend: Dieselbe Pflanze taucht auf der einen Website in der Empfehlungsliste auf und auf der nächsten unter „lieber meiden“. Fenchel ist das Paradebeispiel. Dieser Beitrag ordnet die gängigen Kräutertees deshalb in eine einfache Ampel – grün, gelb, rot – und stützt sich dabei auf die Einschätzungen europäischer Fachgremien statt auf Bauchgefühl. So lässt sich auf einen Blick erkennen, welcher Tee unbedenklich ist, welcher in Massen und welcher besser im Schrank bleibt.

Warum sich die Ratgeber widersprechen

Die widersprüchlichen Aussagen im Netz haben einen nachvollziehbaren Grund: Die Bewertung mancher Kräuter hat sich mit der Zeit verändert. Was vor zwanzig Jahren pauschal als „gut für Schwangere“ galt, wird heute vorsichtiger formuliert – nicht, weil ein akuter Schaden bekannt wäre, sondern weil neue Analysen einzelner Inhaltsstoffe zu einer zurückhaltenderen Haltung geführt haben. Ältere Ratgeber geben oft noch den alten Stand wieder, neuere den revidierten. Wer beide nebeneinander liest, findet scheinbar unvereinbare Empfehlungen.

Ein zweiter Punkt kommt hinzu: Es macht einen grossen Unterschied, ob von einer gelegentlichen Tasse Genusstee die Rede ist oder von einem konzentrierten Heiltee, den jemand über Wochen literweise trinkt. Viele Warnungen beziehen sich auf hohe, dauerhafte Mengen oder auf arzneilich dosierte Zubereitungen – nicht auf die Tasse am Nachmittag. Genau diese Unterscheidung geht in kurzen Listen verloren. Die folgende Ampel trennt deshalb sauber nach Menge und Anwendung.

Steckbrief

Worum es geht: Kräutertees in der Schwangerschaft, eingeordnet in eine Ampel von grün bis rot.

Grüner Bereich: Ingwer (übliche Mengen), Rooibos, Hagebutte, Kamille in Massen.

Gelber Bereich: Fenchel, Pfefferminze, Salbei – gelegentlich, nicht als Dauertee.

Roter Bereich: Salbei-Heiltee, Süssholz, abführende Tees; Himbeerblätter erst spät.

Grün: in üblichen Mengen unbedenklich

Im grünen Bereich stehen Tees, die als Genussgetränk in normaler Stärke gut verträglich sind. Am besten untersucht ist hier der Ingwer. Zahlreiche Studien haben Ingwer gegen Schwangerschaftsübelkeit geprüft; in üblichen Mengen – Fachgesellschaften nennen als Orientierung etwa ein Gramm getrockneten Ingwer pro Tag – gilt er als gut verträglich und wird traditionell in den ersten Monaten geschätzt. Eine dünne Scheibe frische Wurzel mit heissem Wasser übergossen ergibt einen milden Aufguss.

Ebenfalls im grünen Feld liegt der Rooibostee: Er ist von Natur aus koffeinfrei und gerbstoffarm, was ihn zu einem unkomplizierten Alltagstee macht. Hagebutte und andere milde Früchtetees sind fruchtig, koffeinfrei und ohne bekannte Bedenken. Kamille schliesslich gilt in massvoller Menge als unbedenklich und wird traditionell für ruhige Momente am Abend geschätzt. Für alle grünen Tees gilt dennoch die einfachste aller Regeln: abwechseln statt tagelang literweise dieselbe Sorte. Vielfalt hält die Aufnahme einzelner Inhaltsstoffe von selbst niedrig.

Gelb: in Massen, aber nicht als Dauertee

Der gelbe Bereich ist der, in dem die meisten Missverständnisse entstehen. Diese Tees sind nicht verboten – sie vertragen nur keine Übertreibung.

Fenchel: vom Klassiker zur Massgabe

Kaum ein Tee hat seinen Ruf so verändert wie der Fencheltee. Lange galt er als der Schwangerschaftstee schlechthin. Heute wird er zurückhaltender bewertet, und der Grund heisst Estragol – ein natürlicher Bestandteil des ätherischen Fenchelöls. Estragol wurde im Tierversuch als erbgutschädigend und potenziell krebserregend eingestuft. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) rät deshalb von Fenchel-Arzneiprodukten in der Schwangerschaft und Stillzeit ab und empfiehlt generell, die Estragol-Aufnahme so gering wie möglich zu halten; das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) geht in dieselbe Richtung. Wichtig ist die Einordnung: Diese Hinweise zielen auf hoch dosierte, arzneiliche Zubereitungen und auf dauerhaften Konsum. Eine gelegentliche Tasse Fencheltee bleibt vertretbar – als literweiser Dauertee über Wochen ist Fenchel jedoch nicht mehr die erste Wahl. Genau dieser Wandel erklärt die widersprüchlichen Angaben im Netz.

Pfefferminze: eine Frage der Menge

Auch die Pfefferminze steht im gelben Feld – hier rein unter dem Blickwinkel der Schwangerschaft betrachtet. Ein bis zwei Tassen Pfefferminztee am Tag gelten als unbedenklich und werden traditionell bei Übelkeit und Völlegefühl gern getrunken. Zurückhaltung ist bei grossen Mengen als dauerhafter Heiltee angebracht, ebenso bei konzentriertem Pfefferminzöl, das nicht mit dem milden Aufguss zu verwechseln ist. Als gelegentliches Getränk in normaler Teestärke ist Pfefferminze in Ordnung.

Salbei: würzen ja, kurieren nein

Beim Salbei lohnt der genaue Blick auf die Anwendung. Als Küchenkraut, das eine Speise würzt, ist er unproblematisch. Als Heiltee jedoch – etwa in grösserer Menge gegen Halsweh – wird er in der Schwangerschaft nicht empfohlen. Verantwortlich ist das enthaltene Thujon, dem in höheren Dosen eine anregende Wirkung auf die Gebärmutter zugeschrieben wird. Eine einzelne Tasse bei einer Erkältung ist kein Grund zur Sorge; der regelmässige, konzentrierte Salbei-Aufguss gehört jedoch bereits an die Grenze zum roten Bereich.

Rot: in der Schwangerschaft besser meiden

Einige Tees sollten während der Schwangerschaft konsequent im Schrank bleiben – zumindest als regelmässiges oder arzneilich dosiertes Getränk. Dazu zählt der Salbei-Heiltee in grösseren Mengen (Thujon), ebenso Tees aus Wermut oder Beifuss, die denselben Stoff enthalten. Vorsicht gilt bei Süssholz- beziehungsweise Lakritzetee: Der Inhaltsstoff Glycyrrhizin wird bei hohem, regelmässigem Konsum mit einem erhöhten Risiko für eine Frühgeburt in Verbindung gebracht, weshalb Fachleute zur Zurückhaltung raten. Auch abführende Tees mit Sennesblättern, Aloe oder Faulbaumrinde gehören nicht in die Schwangerschaftskanne, weil ihre stark abführende Wirkung unerwünschte Reize auslösen kann.

Diese Auswahl betrifft ausdrücklich die Schwangerschaft. Die allgemeinen Grundregeln – Kräuter sicher bestimmen, sauber dosieren, auf die eigene Verträglichkeit achten – gelten darüber hinaus für jede Pflanzenanwendung und sind im Florakur-Beitrag zum sicheren Anwenden von Heilpflanzen ausführlich beschrieben; hier bleibt der Blick bewusst auf der Schwangerschaft.

ca. 1 gGetrockneter Ingwer pro Tag als übliche Orientierungsmenge bei Schwangerschaftsübelkeit.
1–2 TassenPfefferminztee täglich gelten als unbedenklich – nicht als literweiser Dauertee.
ab SSW 36Erst in den letzten Wochen wird Himbeerblättertee zur Geburtsvorbereitung getrunken.

Himbeerblättertee: erst gegen Ende

Ein Sonderfall ist der Himbeerblättertee, der traditionell zur Geburtsvorbereitung getrunken wird. Ihm wird nachgesagt, das Gewebe zu lockern und die Gebärmutter auf die Wehen einzustimmen. Gerade deshalb gehört er nicht in die frühe Schwangerschaft: Üblicherweise wird der Beginn auf die 36. bis 37. Schwangerschaftswoche gelegt, in manchen Empfehlungen auf einige Wochen davor – vor der 34. Woche raten Hebammen davon ab. Die Wirksamkeit ist wissenschaftlich allerdings nicht gesichert. Eine placebokontrollierte Studie an Erstgebärenden fand keine deutlichen Unterschiede bei Dauer oder Verlauf der Geburt. Wer den Tee dennoch nutzen möchte, bespricht Beginn und Menge am besten mit der Hebamme.

Die Ampel auf einen Blick

Die folgende Übersicht fasst die gängigen Kräutertees zusammen. Sie ersetzt keine individuelle Beratung, gibt aber eine geordnete Orientierung – und löst die scheinbaren Widersprüche der Ratgeber auf.

TeeAmpelEinordnung
IngwerGrünÜbliche Mengen; traditionell bei Übelkeit geschätzt
RooibosGrünKoffeinfrei, gerbstoffarm, unbedenklich
Hagebutte / FrüchteteeGrünMild und koffeinfrei, ohne bekannte Bedenken
KamilleGrünIn massvoller Menge unbedenklich
FenchelGelbGelegentlich ja, nicht als Dauertee (Estragol)
PfefferminzeGelb1–2 Tassen ok, nicht als konzentrierter Heiltee
SalbeiGelb–RotWürzen ja, Heiltee nein (Thujon)
HimbeerblätterErst ab SSW 36Zur Geburtsvorbereitung, davor meiden
Süssholz / LakritzeRotGlycyrrhizin – hoher Konsum gilt als riskant
Sennes / Aloe / FaulbaumRotStark abführend, in der Schwangerschaft meiden

Sicherheit zuerst. Diese Übersicht dient der Orientierung und ersetzt keine ärztliche oder hebammenkundliche Beratung. In der Schwangerschaft werden Heilpflanzen individuell unterschiedlich vertragen; Wechselwirkungen mit Medikamenten sind möglich. Vor der regelmässigen Anwendung eines Kräutertees halten Sie deshalb Rücksprache mit Ärztin, Arzt, Apotheke oder Hebamme – besonders bei bestehenden Erkrankungen. Bei Blutungen, starken Schmerzen, anhaltendem Erbrechen oder anderen ungewöhnlichen Beschwerden ist die Ursache fachlich abzuklären. In einem medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.

Häufige Fragen

Welche Tees darf man in der Schwangerschaft nicht trinken?

Als Heiltee gemieden werden sollten vor allem Salbeitee in grösseren Mengen sowie Wermut- oder Beifusstee (wegen des Thujons), Süssholz- beziehungsweise Lakritzetee (Glycyrrhizin) und abführende Tees mit Sennesblättern, Aloe oder Faulbaumrinde. Himbeerblättertee gehört erst in die letzten Wochen vor der Geburt. Wer unsicher ist, hält vor der regelmässigen Anwendung Rücksprache mit Ärztin, Arzt oder Apotheke.

Ist Fencheltee in der Schwangerschaft noch erlaubt?

Eine gelegentliche Tasse gilt weiterhin als vertretbar. Zurückhaltender bewertet wird Fenchel, seit das enthaltene Estragol im Tierversuch als erbgutschädigend eingestuft wurde – die Europäische Arzneimittel-Agentur rät von Fenchel-Arzneiprodukten in der Schwangerschaft ab und empfiehlt generell, die Estragol-Aufnahme gering zu halten. Als literweiser Dauertee ist Fenchel deshalb nicht mehr die erste Wahl, als seltener Genuss aber unproblematisch.

Wie viel Pfefferminztee ist in der Schwangerschaft ok?

Ein bis zwei Tassen am Tag gelten als unbedenklich und werden traditionell bei Übelkeit oder Völlegefühl geschätzt. Von grossen Mengen als dauerhafter Heiltee wird abgeraten, ebenso von konzentriertem Pfefferminzöl. Als gelegentliches Getränk in normaler Teestärke ist Pfefferminze in Ordnung.

Ab wann darf man Himbeerblättertee trinken?

Üblicherweise erst ab der 36. bis 37. Schwangerschaftswoche, also in den letzten Wochen zur Geburtsvorbereitung. Davor sollte man ihn meiden, weil ihm eine anregende Wirkung auf die Gebärmutter nachgesagt wird. Beginn und Menge werden am besten mit der Hebamme abgesprochen.

Welcher Tee ist in der Schwangerschaft unbedenklich?

Zu den gut verträglichen zählen Ingwertee in üblichen Mengen, koffeinfreier Rooibostee sowie milde Früchtetees wie Hagebutte; auch Kamille gilt in massvoller Menge als unbedenklich. Grundsätzlich gilt: abwechseln statt literweise dieselbe Sorte trinken, und bei Unsicherheit fachlich nachfragen.

Quellen

  1. European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). Public statement on the use of herbal medicinal products containing estragole. Revision 1. London: EMA.
  2. European Medicines Agency (HMPC). European Union herbal monograph / Public statement on Foeniculum vulgare Miller subsp. vulgare var. vulgare, aetheroleum (Bitterer Fenchel).
  3. Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Stellungnahmen zu Estragol und Methyleugenol in Lebensmitteln und Kräutertees. Berlin: BfR.
  4. European Medicines Agency (HMPC). European Union herbal monograph on Salvia officinalis L., folium (Salbei) – Angaben zu Thujon und Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit.
  5. Simpson M, Parsons M, Greenwood J, Wade K. Raspberry leaf in pregnancy: its safety and efficacy in labor. J Midwifery Womens Health. 2001;46(2):51–59.
  6. Räikkönen K, Martikainen S, Pesonen AK, et al. Maternal Licorice Consumption During Pregnancy and Pubertal, Cognitive, and Psychiatric Outcomes in Children. Am J Epidemiol. 2017;185(5):317–328.
  7. Viljoen E, Visser J, Koen N, Musekiwa A. A systematic review and meta-analysis of the effect and safety of ginger in the treatment of pregnancy-associated nausea and vomiting. Nutr J. 2014;13:20.