Johanniskraut gilt als sanftes Kraut – bei den Wechselwirkungen ist es das keineswegs. Die gelb blühende Pflanze zählt zu den Heilpflanzen mit den meisten dokumentierten Arzneimittel-Wechselwirkungen überhaupt. Das eigentliche Risiko ist dabei nicht die vielzitierte Sonnenempfindlichkeit der Haut, sondern etwas Unauffälligeres: Johanniskraut regt bestimmte Abbausysteme in der Leber an und kann dadurch die Wirkung anderer Medikamente abschwächen – von der Pille über Blutverdünner wie Sintrom und Marcoumar bis zu lebenswichtigen verschreibungspflichtigen Mitteln. Dieser Beitrag ordnet ruhig ein, was belegt ist und was überschätzt wird.
Steckbrief
Worum es geht: Wechselwirkungen von Johanniskraut mit Medikamenten.
Besonders betroffen: Pille, Blutverdünner (Marcoumar, Sintrom), Immunsuppressiva, bestimmte Antidepressiva.
Mechanismus: Anregung der Leberenzyme (vor allem CYP3A4) und des Transporters P-Glykoprotein.
Gut zu wissen: „pflanzlich“ heisst nicht „wechselwirkungsfrei“.
Mit welchen Medikamenten Johanniskraut wechselwirkt
Wer Johanniskraut einnimmt, sollte wissen, dass die Liste der betroffenen Medikamente lang ist. Das liegt nicht an einer besonders aggressiven Chemie, sondern daran, dass die Pflanze genau jene Systeme beeinflusst, über die der Körper einen Grossteil aller Arzneistoffe abbaut und weitertransportiert.
Mit welchen Medikamenten hat Johanniskraut Wechselwirkungen?
Johanniskraut kann die Wirkung zahlreicher Medikamente abschwächen oder verändern. Besonders gut belegt sind Wechselwirkungen mit der Antibabypille, mit Blutverdünnern wie Marcoumar und Sintrom, mit Immunsuppressiva nach Transplantationen, mit einzelnen HIV-Medikamenten sowie mit bestimmten Antidepressiva. Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten Gruppen und die möglichen Folgen zusammen.
| Medikamentengruppe | Beispiele | Mögliche Folge |
|---|---|---|
| Hormonelle Verhütung | Kombinationspille, Minipille | Wirkung geschwächt, Zwischenblutungen, ungewollte Schwangerschaft möglich |
| Blutverdünner (Vitamin-K-Antagonisten) | Marcoumar, Sintrom, Warfarin | Gerinnungshemmung geschwächt, Thrombose- und Embolierisiko |
| Immunsuppressiva | Ciclosporin, Tacrolimus | Wirkspiegel sinkt, Abstossung nach Transplantation möglich |
| Bestimmte Antidepressiva & Migränemittel | SSRI, Triptane | Wirkung verstärkt, Risiko eines Serotonin-Syndroms |
| Herzmittel | Digoxin | Wirkspiegel sinkt |
| HIV-Medikamente | bestimmte Proteasehemmer | Wirkung abgeschwächt |
Auffällig ist das Muster: Johanniskraut macht die meisten dieser Medikamente nicht stärker, sondern schwächer. Eine Ausnahme sind bestimmte Antidepressiva und Migränemittel, deren Wirkung sich im Gegenteil gefährlich verstärken kann. Genau das macht die Kombination tückisch: Der Tablette sieht man von aussen nicht an, dass sie plötzlich weniger oder mehr leistet.
Der wahre Mechanismus: Enzyme statt Sonnenbrand
Wie schwächt Johanniskraut andere Medikamente ab?
Johanniskraut beschleunigt den Abbau vieler Medikamente. Sein Inhaltsstoff Hyperforin regt in Leber und Darm ein Enzym namens CYP3A4 sowie den Transporter P-Glykoprotein an. Beide bauen Arzneistoffe ab oder befördern sie aus dem Körper. Werden sie angekurbelt, sinkt der Wirkstoffspiegel im Blut – das Medikament wirkt schwächer oder nicht mehr richtig.
Dieser Effekt baut sich langsam auf. Nach Beginn der Einnahme dauert es rund ein bis zwei Wochen, bis die Enzyme voll hochgefahren sind – und ähnlich lange, bis sich alles nach dem Absetzen wieder beruhigt. Deshalb ist die Wechselwirkung so unauffällig: Sie zeigt sich weder sofort noch verschwindet sie von heute auf morgen. Wie stark sie ausfällt, hängt vor allem davon ab, wie viel Hyperforin tatsächlich im Körper ankommt.
Tipp: Führen Sie eine aktuelle Liste all Ihrer Medikamente – auch der pflanzlichen. Zeigen Sie sie in der Apotheke oder Arztpraxis, bevor Sie mit Johanniskraut beginnen. So lässt sich in wenigen Minuten prüfen, ob eine kritische Kombination vorliegt.
Die heiklen Fälle: Pille und Blutverdünner
Beeinflusst Johanniskraut die Wirkung der Pille?
Ja. Johanniskraut kann die empfängnisverhütende Wirkung der Pille abschwächen. Weil es den Abbau der Hormone beschleunigt, sinkt deren Spiegel im Blut. Dokumentiert sind Zwischenblutungen und einzelne ungewollte Schwangerschaften unter dieser Kombination. Betroffen sind vor allem klassische Kombinations- und Minipillen.
Wer hormonell verhütet, sollte Johanniskraut deshalb nicht auf eigene Faust dazunehmen. Die Fachinformationen vieler Präparate weisen ausdrücklich auf diese Wechselwirkung hin. Wer nicht darauf verzichten möchte, bespricht mit der Ärztin oder dem Arzt eine zusätzliche, hormonunabhängige Verhütung für die Dauer der Anwendung und einige Zeit danach.
Warum ist Johanniskraut bei Blutverdünnern wie Sintrom oder Marcoumar heikel?
Weil es sie schwächer macht – und das lässt sich schlecht vorhersagen. Vitamin-K-Antagonisten wie Marcoumar (Phenprocoumon) und Sintrom (Acenocoumarol) sind fein auf einen Zielwert eingestellt. Johanniskraut beschleunigt ihren Abbau, senkt den Gerinnungswert und damit den Schutz vor Blutgerinnseln. Das Risiko für Thrombosen oder Embolien kann steigen.
In einer Studie mit gesunden Freiwilligen senkte Johanniskraut die Blutspiegel und die Wirkung von Warfarin, einem verwandten Blutverdünner, deutlich. Für die in der Schweiz üblichen Mittel Marcoumar und Sintrom gilt dasselbe Prinzip. Heikel ist auch das Absetzen: Fällt das Johanniskraut weg, steigt die Wirkung des Blutverdünners wieder an – ohne Anpassung droht dann das umgekehrte Problem. Solche Feineinstellungen gehören zwingend in ärztliche Hand.
Sicherheit zuerst. Setzen Sie verschriebene Medikamente niemals eigenmächtig ab und verändern Sie die Dosis nicht, um Johanniskraut zu ergänzen. Wer die Pille, einen Blutverdünner wie Sintrom oder Marcoumar, Immunsuppressiva oder Antidepressiva einnimmt, schwanger ist, stillt oder eine Operation vor sich hat, klärt die Anwendung vorab mit Arzt, Ärztin oder Apotheke ab. In einem medizinischen Notfall gilt in der Schweiz die Notrufnummer 144.
Der überschätzte Mythos: Lichtempfindlichkeit
Macht Johanniskraut die Haut wirklich lichtempfindlich?
Theoretisch ja, praktisch bei üblichen Dosen aber selten. Der rote Farbstoff Hypericin kann die Haut empfindlicher für Sonnenlicht machen. Neuere Auswertungen zeigen jedoch, dass eine spürbare Lichtempfindlichkeit erst bei sehr hohen Dosen auftritt – deutlich über den Mengen üblicher Präparate. Für die meisten Anwenderinnen und Anwender bleibt dieser Effekt gering.
Das heisst nicht, dass er ganz verschwindet: Sehr hellhäutige Menschen und alle, die zusätzlich ins Solarium gehen oder andere lichtsensibilisierende Mittel nehmen, sollten vorsichtig bleiben und auf ausreichenden Sonnenschutz achten. Doch die eigentliche Aufmerksamkeit verdient die stille Enzym-Wechselwirkung, nicht der Sonnenbrand. Genau hier drehen neuere Fachbewertungen die alte Faustregel um: Die Sonne ist meist das kleinere Problem.
Tee, Kapsel oder Extrakt: nicht alles wechselwirkt gleich
Wechselwirkt Johanniskrauttee genauso stark wie Kapseln oder Extrakt?
Nein – aber wechselwirkungsfrei ist auch der Tee nicht. Entscheidend ist der Gehalt an Hyperforin. Hochdosierte, standardisierte Extrakte in Kapseln oder Tabletten enthalten am meisten davon und wechselwirken am stärksten. Im Tee löst sich Hyperforin dagegen schlecht und zerfällt rasch, weshalb ein Aufguss deutlich schwächer wirkt.
Ganz aus der Welt ist das Thema damit nicht. Wer regelmässig starken Johanniskrauttee trinkt, kann ebenfalls einen Effekt auslösen – nur unberechenbarer, weil der Gehalt je nach Kraut und Ziehzeit schwankt. Als grober Richtwert gilt: Erst oberhalb von etwa einem Milligramm Hyperforin pro Tag wird die Enzym-Anregung bedeutsam. Übliche Extraktkapseln liegen darüber, ein einzelner Tee meist darunter.
| Zubereitung | Hyperforin-Gehalt | Wechselwirkungs-Potenzial |
|---|---|---|
| Standardisierter Extrakt (Kapsel/Tablette) | hoch | ausgeprägt |
| Tinktur / alkoholischer Auszug | mittel | möglich |
| Tee (Aufguss) | niedrig | gering, aber nicht null |
Unter dem Strich ist Johanniskraut ein gutes Beispiel dafür, dass „pflanzlich“ nicht „harmlos“ bedeutet. Traditionell angewendet wird es bei leichten Stimmungstiefs und innerer Unruhe – doch gerade weil es tatsächlich in den Stoffwechsel eingreift, verträgt es sich mit vielen Medikamenten schlecht. Wer regelmässig Arzneimittel nimmt, klärt die Kombination am besten schon vor dem ersten Tag ab. Die Apotheke ist dafür die kürzeste Adresse.
Häufige Fragen
Mit welchen Medikamenten hat Johanniskraut Wechselwirkungen?
Mit sehr vielen. Am besten belegt sind Wechselwirkungen mit der Antibabypille, mit Blutverdünnern wie Marcoumar und Sintrom, mit Immunsuppressiva nach einer Transplantation, mit einzelnen HIV-Medikamenten, mit dem Herzmittel Digoxin sowie mit bestimmten Antidepressiva. In den meisten Fällen schwächt Johanniskraut die Wirkung ab, weil es den Abbau in der Leber beschleunigt. Bei manchen Antidepressiva und Migränemitteln kann sich die Wirkung dagegen verstärken. Wer regelmässig Medikamente einnimmt, bespricht die Anwendung von Johanniskraut deshalb immer vorher mit Arzt, Ärztin oder Apotheke.
Beeinflusst Johanniskraut die Wirkung der Pille?
Ja. Johanniskraut kann die empfängnisverhütende Wirkung der Pille abschwächen. Es beschleunigt den Abbau der Hormone, sodass deren Spiegel im Blut sinkt. Dokumentiert sind Zwischenblutungen und einzelne ungewollte Schwangerschaften unter dieser Kombination. Betroffen sind vor allem klassische Kombinationspillen und die Minipille. Wer hormonell verhütet, sollte Johanniskraut nicht ohne Rücksprache dazunehmen. Sinnvoll ist, mit der Ärztin oder dem Arzt eine zusätzliche, hormonunabhängige Verhütung für die Zeit der Anwendung und einige Zeit danach zu besprechen.
Macht Johanniskraut die Haut wirklich lichtempfindlich?
Theoretisch ja, in der Praxis bei üblichen Dosen aber selten. Der Farbstoff Hypericin kann die Haut empfindlicher für Sonnenlicht machen. Neuere Auswertungen zeigen jedoch, dass eine spürbare Lichtempfindlichkeit erst bei sehr hohen Dosen auftritt, die über den Mengen normaler Präparate liegen. Vorsicht ist vor allem für sehr hellhäutige Menschen und bei gleichzeitigem Solariumbesuch angebracht. Die weit wichtigere und oft unterschätzte Gefahr ist nicht die Sonne, sondern die Abschwächung anderer Medikamente über die Leberenzyme.
Wechselwirkt Johanniskrauttee genauso stark wie Kapseln oder Extrakt?
Nein, aber wechselwirkungsfrei ist der Tee nicht. Entscheidend ist der Gehalt an Hyperforin. Hochdosierte, standardisierte Extrakte in Kapseln oder Tabletten enthalten am meisten davon und wechselwirken am stärksten. Im Tee löst sich Hyperforin nur schlecht und zerfällt rasch, weshalb ein Aufguss deutlich schwächer wirkt. Wer allerdings täglich mehrere Tassen starken Johanniskrauttee trinkt, kann ebenfalls einen Effekt auslösen, nur schlechter abschätzbar. Auch beim Tee gilt darum: Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten vorher in der Apotheke nachfragen.
Wie lange dauert es, bis eine Wechselwirkung nach dem Absetzen nachlässt?
In der Regel etwa ein bis zwei Wochen. Johanniskraut wirkt, indem es Leberenzyme anregt; dieser Zustand verschwindet nicht sofort. Nach dem Absetzen brauchen die Enzyme rund ein bis zwei Wochen, um wieder auf ihr normales Niveau zurückzukehren. In dieser Übergangszeit kann sich die Wirkung anderer Medikamente erneut verschieben, diesmal nach oben. Wer einen Blutverdünner oder ein anderes fein eingestelltes Medikament nimmt, sollte das Absetzen deshalb nicht allein, sondern mit ärztlicher Begleitung angehen.
Muss ich Johanniskraut vor einer Operation absetzen?
In der Regel ja. Viele Fachleute empfehlen, pflanzliche Mittel wie Johanniskraut rund zwei Wochen vor einem geplanten Eingriff abzusetzen. Grund ist, dass Johanniskraut den Abbau zahlreicher Medikamente verändert, auch solcher, die bei einer Narkose zum Einsatz kommen. Informieren Sie das Behandlungsteam und die Anästhesie in jedem Fall über die Einnahme, selbst wenn es sich nur um ein pflanzliches Präparat handelt. Wann genau abgesetzt wird, legt die behandelnde Ärztin oder der Arzt fest.
Quellen
- European Medicines Agency, Committee on Herbal Medicinal Products (HMPC). European Union herbal monograph on Hypericum perforatum L., herba – u. a. zur Induktion von CYP3A4 und P-Glykoprotein und den daraus folgenden Wechselwirkungen. ema.europa.eu.
- Nicolussi S, Drewe J, Butterweck V, Meyer zu Schwabedissen HE. Clinical relevance of St. John's wort drug interactions revisited. British Journal of Pharmacology. 2020;177(6):1212–1226. doi.org/10.1111/bph.14936.
- Jiang X, Williams KM, Liauw WS, et al. Effect of St John's wort and ginseng on the pharmacokinetics and pharmacodynamics of warfarin in healthy subjects. British Journal of Clinical Pharmacology. 2004;57(5):592–599. doi.org/10.1111/j.1365-2125.2003.02051.x.
- Arzneimittel-Kompendium der Schweiz (HCI Solutions). Fachinformationen zu Johanniskraut-Präparaten – Hinweise zu Wechselwirkungen mit hormonellen Kontrazeptiva und Vitamin-K-Antagonisten. compendium.ch.